Eines Tages wurde er früh aus dem Bett geholt und seine schönsten Kleidungsstücke wurden ihm angezogen. Was war denn jetzt los? Etwas Außergewöhnliches würde passieren; aber was? Nach dem Frühstück nahm sein Großvater ihn zur Hand und lief mit ihm auf ein Fahrzeug zu, das schon auf sie wartete. Sie stiegen in den grünmetallic lackierten Jeep, um in die Stadt Yahyalı zu fahren. Diese Reise war nicht zu unterschätzen! Die Spannung, die sich in Ercans Herz zuspitzte, war um nichts geringer als die Aufregung der ersten Raumfahrer. Der gemeinsame Nenner war die Fahrt zum neuen Horizont. Würde Ercan jetzt die bekannte Welt verlassen und in das mysteriöse Ungewisse reisen? Das Fahrzeug war so voll mit Insassen, dass man sich darin kaum bewegen konnte. Nicht einmal die Fenster konnten geöffnet werden, um die Staubströmung zu vermeiden. Je mehr sie sich dem nächsten Berg näherten, desto größer wurde seine Neugier. >>Was mag wohl hinter diesen Bergen sein?<<, fragte er sich. Es stellte sich heraus, dass sich hinter ihnen Täler befanden, die wiederum von anderen Bergen begrenzt wurden. So ging es immer weiter, bis Ercan ein ganz besonderes Tal sichten konnte. Nein! Es war zu schön, um wahr zu sein. Er sah eine sehr schöne, niedliche, grüne Stadt. Das war für ihn wie die Entdeckung eines neuen Planeten.
Dieses Buch wird vermutlich keinen literarischen Wert ausstrahlen können, dafür aber eine wahre Geschichte schildern. Wer weiß? Vielleicht liegt die Besonderheit darin?! Ich beobachte seit einiger Zeit, dass sich der Gastgeber (die Deutschen) mit einigen Fragen beschäftigt: >>Hey, Türke…<< oder >>Hey, Muslim! Ihr lebt inzwischen seit vierzig bis fünfzig Jahren in unserem Land! Wer bist du eigentlich? Was denkst du? Was beabsichtigst du? Hast du einen geheimen Plan? Bist du auch ein Mitglied einer illegalen Gruppe, von denen ich jeden Tag durch die Medien erfahre? Kannst du wirklich jederzeit gewalttätig werden, wie es behauptet wird? Warum lebst, isst und trinkst du nicht wie ich? Warum kleidest du dich anders als ich? Von welcher Ideologie und welchem Ansporn werden deine Gedanken herbeigeführt? Ich sehe dich mit deiner verschleierten Frau in Einkaufszentren einkaufen, auf den Straßen gehen und in Ärzte-Wartezimmern weilen usw.. Worauf beruht dein Glaube und deine Weltanschauung...?<<
Mit diesem Buch beabsichtige ich, einige Antworten auf die Fragen zu geben, die in der Regel nicht direkt gestellt werden, aber dennoch die Köpfe belasten. Ziel dieses Buches ist die Wiedergabe der Gedanken und Gefühle von Ercan. Die Werte, die ich darstellen werde, sind Ercans Wahrnehmungen, Feststellungen und Beweisführungen. Das Urteil darüber wird dem Leser überlassen.
Ich kenne Ercan ziemlich gut; sogar seine innersten Geheimnisse! Ich kenne ihn besser als seine Eltern, seine Ehefrau, seine Kinder, besser als seine Geschwister und besser als seine Freunde. Ich bin einige Jahre jünger als er. Ratet mal, wer ich bin! Es ist vielleicht doch zu schwer, mich zu erraten. Also werde ich mich (und meine Kollegen) vorstellen. Ich bin Ercans Gewissen. Ich wurde vom Allmächtigen beauftragt, für ihn zu arbeiten. In seinem Interesse und im Interesse aller Dinge, die irgendwie mit ihm verbunden sind. Meine Aufgabe ist es, seinen Verstand, sein Herz und seine Taten zu überwachen. Falls ich Missetaten bemerke, ermahne ich ihn. Wenn es nötig ist, kalibriere ich seinen Verstand und sein Herz, damit diese wieder angemessen und gerecht funktionieren. Denn durch die Eingriffe seines Egos und seiner Gefühle kann es immer wieder vorkommen, dass die Instrumente in ihrer Funktion verstellt werden.
Da seine Eltern nicht wussten, was in Sachen Mode „in“ und „out“ war, kauften sie Ercan (damals) furchtbare Sportschuhe. Sollte er sich auf den Sportunterricht konzentrieren oder versuchen, die altmodischen Schuhe vor den Blicken der anderen Schüler zu verstecken? Es gab zahlreiche Wiederholungen auf dieser Ebene. Verrückte Welt! Irgendwann waren genau diese Schuhe wieder „in“!
Jedes Mal, wenn sein Geburtsdatum zur Sprache kam, wurde er als „Christkindle“ angesprochen. Lange Zeit konnte er nicht begreifen, was damit überhaupt gemeint war. Erst nach jahrelangem Religionsunterricht (in der Grundschule nahm er am christlichen Religionsunterricht teil) kam er dahinter, was die Leute damit meinten. Zur Erinnerung: Sein Geburtsdatum ist der 24. Dezember!
Ein wenig Tradition, ein wenig Religion, ein wenig Europa. Von allem nur ein wenig, aber nichts Ganzes. Unter diesen Umständen wuchs Ercan auf. Er war zwischen allen Fronten. Ein wenig Tradition, ein wenig Christ, ein wenig Muslim, ein wenig Adam und Eva, ein wenig Evolution, ein wenig Asien, ein wenig Europa, ein wenig Amerika (Actionfilme), ein wenig Ausländer, ein wenig Deutschländer sogar ein wenig Alemanne... Was nun?! Zu welchem Resultat konnte das wohl führen?
Von Zeit zu Zeit wurde er immer wieder mit vielen Fragen konfrontiert. Stimmt es vielleicht, was die religiösen Menschen da behaupten? Gibt es wirklich einen Gott, der mich irgendwann zur Rechenschaft ziehen wird? Wer hat wohl die Wesen geschaffen? Auf der anderen Seite kamen dann gegenteilige Gedanken: Man redet ja von der Evolution. Religionen wurden vielleicht erfunden, weil früher die Menschen naiv waren. Außerdem zeigt uns ein Blick in die Geschichte (und das wird immer wieder zu Wort gebracht), dass Religionen schon immer Kriege verursachten. Die Thesen der Christen wie beispielsweise „Nächstenliebe“ usw. waren zwar verlockend für ihn, aber wenn der Verstand um eine Erklärung bat, wurde gesagt: „Man muss ja nicht alles verstehen, sondern nur glauben.“ Das ist vielleicht eine hervorragende Aussage für Mild strukturierte Köpfe, aber für Ercan, den Sturkopf, war das das falsche Argument. Denn er fand, dass niemand berechtigt sei, gerade bei einem so brisanten Thema wie der Religion, seinen Verstand aus dem Verkehr ziehen zu dürfen. Entweder mit Verstand oder gar nicht.
Auch die Muslime konnten nicht mit ihren Überzeugungen im Recht sein, da ihr Scheinbild genau das Gegenteil von dem war, was sie behaupteten.
In der Moscheegemeinde wirkt Ercan bis heute noch ehrenamtlich mit, zum Beispiel als Übersetzer zwischen den deutschen Gästen und dem Hodscha (islamischen Gelehrten). Die meisten Besucher sind Schulklassen, Polizeibeamte sowie die Beamten der Ausländerbehörden der Region Baden-Württemberg. Er findet die Besuche sehr förderlich, denn sie tragen zum gegenseitigen Kennen lernen um zum Dialog zwischen den Religionen und Kulturen bei. Er hatte einmal sogar die Gelegenheit, die Polizeibeamten zu fragen: >>Was denken Sie über die Türken oder die Muslime, die in Deutschland leben, oder was wünschen Sie, zu sehen?<<
Einer von ihnen antwortete: >>Vielleicht sollten sie sich mehr bemühen, die deutsche Sprache zu lernen.<<
Da konnte Ercan nur zustimmen. Die Beamten waren erfreut darüber, als sie erfuhren, dass der Hodscha (Imam) derzeit einen Sprachkurs besuchte. Mithat wirkt auch gelegentlich beim Übersetzen mit. Er findet, dass es nicht reicht, nur seine Deutschkenntnisse zu verbessern, sondern wir sollten auch durch die Brille der Deutschen hindurch schauen, um die Menschen der Aufnahmegesellschaft besser zu verstehen.
Wie wichtig ist es für mich, ein Glaubensbekenntnis zu erwerben?
Um diese Frage zu beantworten, deckte ich vorab meine wahren Bedürfnisse auf. Ich begann damit, sämtliche marginale Betrachtungsweisen abzuwägen und betrachtete weitgehend die universalen und generellen Werte, die ich im Folgenden erläutern werde. Von diesen generellen Werten kann sich theoretisch kein Mensch ausschließen, d.h. alle Menschen bzw. Kulturen sind damit einverstanden, haben keine Einwände und stimmen ihnen zu. Die Nachtschichten waren ideal für mich, um über derartige Auseinandersetzungen und Vertiefungen nachzudenken.
(Eine Anekdote: „Es gibt in jedem Punkt des Universums zahlreiche Vergleichbarkeiten. Ich betrachte an meinem Arbeitsplatz seit Jahren, dass die Produktionsteile vom Anfang bis zum Ende (Inspektionsraum) miteinander verfahren. Schlussendlich werden die Komponenten ins Spezifikationskriterium ausgesetzt. Die Teile, die den vorgeschriebenen Kriterien nicht entsprechen, landen im Schrottwagen, wobei die akzeptablen Teile sorgfältig für ihre neuen Welten aufbewahrt werden. Jetzt frage ich mich: „Ist das mit uns Menschen nicht das gleiche System! Wenn man die Erdkugel aus dem All besichtigen sollte, wird sie als eine große Fabrik erscheinen, in der nonstop produziert wird. Sodann frage ich mich wieder:“ Die präzisen Teile, die von diese kleinen Anlage produziert werden, sind offensichtlich nicht die Früchte des Zufalls, sondern das Ergebnis vieler Fähigkeiten. Kann das Universum, das unvergleichbar noch mehr Sensibilität in sich birgt, das Werk des Zufalls sein? Oder sind die Wesen, die Werke eines allmächtigen Produzenten (Schöpfer)?“)
Wenn wir schon beim Thema “Zufall” sind, nehme ich mir die Freiheit heraus, eine Wahrheit, die für uns in jedem Fall gilt, als eine universelle Regel festzulegen:
Überall wo Maße, feine Berechnungen (z.B. Symmetrie, Mathematik, Geometrie), Design, Kunst und System vorhanden sind, kann man nicht von Zufall sprechen, denn alles ist verbunden mit einer Ordnung, Planung und einem Konzept. Die Natur ist ein Werk und die Ordnung von einer höheren Macht. Macht ist eine Eigenschaft und muss einem angehören. Dieser Einer ist der Allmächtige - Allah.
Die Forscher, die sich wissenschaftlich mit dem Zufallsprinzip auseinander setzen und es erforschen, begeben sich auf eine sehr schwierige und anspruchsvolle Reise, denn sie sehen, dass alle Dinge sehr sensible Funktionen beanspruchen und somit nicht zufällig entstehen können. Dennoch schreiben sie das Werk dem Zufall zu. Das dürfte nicht leicht fallen. Manch andere Wissenschaftler sehen ein, dass es nicht konsequent ist, alles dem Zufall zuzuschreiben und mildern die Sache ein wenig, indem sie sagen: >>Die Natur ist der Schöpfer.<< Das ist so, als würde man sagen, dass die Stadtpläne die Städte erbauen würden. Das ist auch nicht akzeptabel. Dagegen sehen die gläubigen Wissenschaftler die Natur als ein System voller Gesetze, das vom Schöpfer geschaffen ist. Betrachtet man die Ereignisse umfassend aus dieser Perspektive, sieht man, dass alle Geschehnisse irgendwie nachvollziehbar und zum Teil auch wissenschaftlich erklärbar sind. Wenn sie einmal etwas nicht entschlüsseln können, sagen sie: >>Wenn auch wir es nicht wissen, Gott weiß es auf jeden Fall und wenn Er es für richtig hält, wird er uns darüber unterrichten.<<